„Die Evolution des Glücks“

Eine kleine Reise durch die Geschichte des Glücks

Mit „Sorge dich nicht, sei glücklich!“ landet Bobby McFerrin 1988 einen Hit, der bis heute in den Köpfen der Menschen nachklingt und Herbert Grönemeyer singt zwanzig Jahre später „Du bist das Geschenk aller Geschenke, seit ich Dich kenne trag ich Glück im Blick“. Lang ist die Liste der Lieder zum Thema „Glück“. Doch so vielfältig schon allein die verschiedenen in den Liedern zum Ausdruck gebrachten Betrachtungen zum Thema sind, unterscheiden sich die Ansichten der verschiedenen Wissenschaften in weitaus größerem Maße: Psychologen, Demografen und nicht zuletzt Biologen, für die Gefühle ein, wenn auch sehr komplexer, Mix von Botenstoffen sind, können sich nicht auf eine Bedeutung des Wortes einigen.

Es geht um das Glück, um das Einfachste auf der Welt und zugleich das Schwierigste und darum, was man dafür tun muss. – Die Grazien

In seinem ursprünglichen Sinn meinte das Wort Glück (von mhd. gelücke) die „Art, wie etwas gut ausgeht“, wobei weder bestimmte Fähigkeiten noch überhaupt irgendein Zutun von uns Menschen vorausgesetzt werden. Doch so einfach ist es nicht getan. Ein jeder von uns weiß vielleicht für sich was Glück bedeutet und stellt sich unter dem Begriff etwas bestimmtes vor. Doch gerade das macht den Begriff so schwer fassbar. Die philosophische Glücksforschung hat ihre Ergebnisse in vier große Thesen verpackt, deren erste den Nagel auf den Kopf trifft:

Glück ist subjektiv

Solange die Menschen sich in ihren Bedürfnissen, Erfahrungen und Hoffnungen unterscheiden, kann das Ziel ihres Strebens, das nähere Glück, nicht für alle zu aller Zeit dasselbe sein. Johannes van de Wetering sieht sein Glück in materiellen Gütern, während Eleonore es in den Schmetterlingen zu finden glaubt. Glück ist so subjektiv wie jedes andere Gefühl und lässt sich so leicht vergleichen wie Äpfel und Birnen.
Gegen den Fakt, dass sich Glück schwerlich verallgemeinern lässt, kämpfen die Demografen und Statistiker an, wenn sie versuchen, das Glück als bloßes Gut zwischen Bevölkerungsgruppen oder Ländern zu vergleichen. Die Ergebnisse und Kriterien dieser Erhebungen bleiben zumeist umstritten, ebenso wie die zweite These, die auf den ersten Blick im Widerspruch zur ersten stehen mag.

Glück ist quantifizierbar und verrechenbar

Diese These geht davon aus, man könne sich Einheiten von Glück aneignen und anhäufen, wie man Vermögen anhäuft. Freilich macht es diese Aussage auf dem Gebiet der theoretischen Philosophie den Statistikern noch lange nicht einfacher das Glück zu erfassen. Sie sagt nur aus, dass Glück wenngleich subjektiv so doch portionierbar und steigerungsfähig ist. Man könnte sich vorstellen, jeder Mensch trage kleine Pakete von Glück mit sich durch sein Leben. Er kann neue aufnehmen und er kann feststellen, wie viele er selbst gerade trägt. Aber weil jeder Mensch seinen eigenen Maßstab hat, kann man sie nicht untereinander vergleichen und das Ganze bleibt so verwirrend wie das Einheitensystem des viktorianischen Englands.
Doch wenn man Glück anhäufen kann, müsste es dann nicht eine Art Maximalglück geben? Der Sozialreformer Jeremy Bentham drückte dies so aus: „Das größte Glück der größten Zahl ist der Maßstab für richtig oder unrichtig.“ So ist es überaus nachvollziehbar, dass die Vereinigten Staaten das „Streben nach Glück“ als höchstes Ziel ihrer Nation betrachteten. Für alle angehenden Staatsmänner, die sich jetzt fragen wie sie denn dieses Glück erzeugen oder erreichen können, wird die dritte These jedoch ein Schlag in die Magengrube sein:

Glück kann nicht zielgerichtet bewirkt werden

Wird dem Glück direkt nachgejagt, wird es verfehlt, diejenigen hingegen, die das Glück gar nicht ersehnen, sind für nachhaltiges Glück gut disponiert. So pessimistisch und provokativ diese These auch klingen mag, meint sie nicht, dass wir nichts für unser Glück tun können. Es spricht sogar vieles dafür, ihm das Eintreten durch eigenes Zutun zu erleichtern. Schon die antiken Philosophen waren der Ansicht, dass nur der dauerhafte Lebenserfolg und eine gute Lebensführung zum Lebensglück, der Eudaimonia, führen. Die Selbstkenntnis und das tugendhafte Ausrichten des Lebens an den eigenen Fähigkeiten sind dafür unerlässlich. Das Lebensglück entsteht also aus der inneren Haltung und Führung des Menschen in Bezug auf seine Umgebung. Diese Ansichten änderten sich mit der Entstehung einer neuen Religion durch das Wirken Jesu. Für die spätantiken Philosophen, beziehungsweise frühen Theologen lebte der Mensch in einer Spannung zwischen sinnlich-körperlicher und seelisch-geistiger Realität. Alles nachhaltige Glücksstreben sei folglich darauf gerichtet, zu Gott aufzusteigen. Erst in dieser Geistwerdung verbunden mit einer moralisch-asketischen Lebensführung komme alles Handeln und Begehren zum Stillstand. Diese Ansichten setzten sich bis ins späte Mittelalter fort, wenngleich das Thema „Glück“ aus dem Blickfeld gelangte. Erst im Zeitalter der Aufklärung tritt mit der utilitaristischen Ethik, nach der alle Handlungen anhand ihres Nutzens für das Glück der Allgemeinheit bewertet werden sollen, eine neue Ansicht auf die Bildfläche. Die moderne Glücksforschung hat sich vom Jenseits abgekehrt und ihren Transzendenzbezug weitestgehend aufgegeben. Man geht nun vielmehr davon aus, dass Glück aus den Bewertungen subjektiver Empfindungen entsteht. Das enorme geschichtliche Erbe führt dazu, dass heutzutage keiner mehr so genau zu sagen weiß, was Glück eigentlich ist, von einer genauen Definition der Sache ganz zu schweigen. Die Zahl an koexistierenden Betrachtungsweisen ist und war beträchtlich. Nur die letzte der vier Thesen zieht sich als roter Faden durch die Geschichte:

Alle Menschen streben nach Glück

So unterschiedlich dieses angestrebte Ziel für den einzelnen auch im Genauen ausfallen mag, so ist es doch das Glück, nach dem sich unser Streben richtet. Oft stehen dessen direkter Erreichung für viele Menschen traumatische Erfahrungen oder Schicksalsschläge aus naher oder ferner Vergangenheit im Wege, die das seelische Gleichgewicht gestört haben. Zumeist erübrigt auch das Alltagsleben die Suche nach mehr Lebensglück nicht ohne Weiteres. Daher gehören psychotherapeutische Hilfen, Sinnsuche und die Entwicklung individueller Lebenskunst zu den besonders nachgefragten Quellen auf der Suche nach Glück.
In „Sonnenwende“ sind sie vertreten durch die Figur des Doktor Wunderlich. Eleonore bezeichnet ihn als „Seelenführer“, doch vielmehr ist der Doktor auch Therapeut und Forscher, der verschiedene Wege zum Glück untersucht. Und er scheint in seiner frühen Forschung gute Erfolge erzielt zu haben. Seine Eiswassertherapie folgt einer der größten heutigen Erkenntnisse zur Erreichung des Glücks im Widerspiel von Lust und Schmerz: Erst die Kontrasterfahrung macht die Lust spürbar. Wer also Glück erfahren will, muss regelmäßig Unglück und Schmerz kennen. Work-Life-Balance nennt die moderne Psychologie dieses analoge Prinzip von Leistung und Genuss.
Daher bedient sich der Doktor einzelner ritualisierter Praktiken zur Erzeugung dieser Glücks- und Schmerzmomente. Eiswasser und körperliche Ertüchtigung stehen dem unmittelbaren euphorisierenden Glück, wie es seine Patientinnen und Probandinnen vielleicht in der Scheune oder ihren Halluzinogenen erleben gegenüber. Auch wenn der Doktor vermutlich die alte Devise „variatio delectat“ (Abwechslung erfreut) erkannt hatte, besitzen all diese Momente den Nachteil, dass sie immer wieder erneuert werden müssen. Dennoch bilden sie eine gute Grundlage für nachhaltiges Lebensglück, wenn Erkenntnis, Bestimmung und Verwirklichung des Selbst hinzutreten. Nach der Frage „Was wollen sie jetzt in diesem Augenblick?“, erkennt Eleonore van de Wetering schließlich ihre inneren Wünsche, fängt an ihr Leben selbst zu bestimmen und hört auf, sich von Wirtschaft und Nutzen leiten zu lassen.
Doch was bleibt ist die Frage nach dem Warum. Warum hat der Buddhismus, der wohl bekannteste Pfad zum Glück, in letzter Zeit so viel Zulauf? Warum meditieren wir oder versuchen negative Geisteszustände zu überwinden? Warum sind wir so bemüht um unser Glück? Warum messen wir dem Glück heutzutage überhaupt eine so große Bedeutung bei?
Nun, die Beantwortung dieser Fragen bleibt natürlich schlussendlich jedem selbst überlassen. Bei ganzheitlicher Betrachtung glaube ich, dass das Glück in unserer zunehmend atheistischen Gesellschaft, einen Gott als höchstes Ziel und Strebensgut für viele abgelöst hat. Es ist auch überaus konsistent, Glück als das Ziel und den Sinn des Lebens zu bezeichnen, weil letztlich alle anderen Ziele nur auf das eigene Glück hinauslaufen.

Musik und mehr…